Tierethik in der buddhistischen Lehre

Will mensch die Frage nach der buddhistischen Ethik gegenüber Tieren untersuchen, sollte mensch sich nicht auf das Verhalten einzelner Anhänger oder Vertreter des Buddhismus fixieren, denn diese können die Lehre nur subjektiv interpretieren, und damit muss ihr Verhalten nicht immer automatisch der gelehrten Ethik entsprechen. Stattdessen sollte mensch in den Lehrtexten selbst eine Beantwortung dieser Frage suchen und was diese den Praktizierenden vermitteln möchten.

Tierethik in der ursprünglichen Lehre

Das oberste Gebot, welches sich in allen buddhistischen Strömungen wiederfinden lässt, ist das Prinzip des Ahimsa (Gewaltverzicht). Dieses lässt sich unter anderem aus dem „edlen achtgliedrigen Weg“ ableiten, welcher die Basis jedes buddhistischen Erleuchtungsstrebens darstellt.(1) Die wichtige Stellung dieses Prinzips erkennt mensch zum Beispiel daran, dass das erste der zehn Gebote (dasashila) für buddhistische Mönche und Nonnen „das Gebot der Enthaltung von dem Töten lebender Wesen“ ist.(2)

In der ursprünglichen Lehre von Buddha, welche heute im Theravada („Schule der Alten“) überliefert ist, steht Gewalt dem eigenen Befreiungs- und Erleuchtungsstreben entgegen, weswegen Gewaltlosigkeit notwendig wird, um eine bessere Wiedergeburt oder gar Befreiung vom Leiden zu erlangen. Das Wohl der anderen Wesen spielt zwar eine Rolle, steht aber nicht so sehr im Zentrum der Ethik wie in späteren Formen der buddhistischen Lehre. Um zu klären, wie diese grundlegende buddhistische Ethik im Bezug auf nichtmenschliche Tiere auszulegen ist, müssen wir also die zu Grunde liegenden Lehrtexte des Theravada-Buddhismus konsultieren, das heißt den Sutta Pitaka („Korb der Lehrsätze“) im Pali-Kanon. Auch wenn Mahayana und Tantrayana wesentlich auf eigenen Schriften beruhen, „greifen alle buddhistischen Richtungen immer wieder auf den Pali-Kanon zurück“.(3)

Auch ohne eine umfassende Analyse aller buddhistischen Lehrtexte zum Thema lassen zwei ausgewählte Textstellen schnell erkennen, dass Gewaltlosigkeit gegenüber nichtmenschlichen Tieren in der buddhistischen Ethik einen hohen Stellenwert hat. Im „Anguttara Nikaya, 2. Kapitel, A.VI. 18 Der Tier- und Menschenmörder“ wird erklärt, dass einem Menschen, welcher „den zum Töten bestimmten, des Tötens wegen zu fangenden Tieren in böser Gesinnung auflauert“ dieses Verhalten mit der zu Grunde liegenden falschen Geisteshaltung „lange Zeit zum Unheil und Leiden“ gereicht.(4) Das Töten von Tieren wird damit als Unrecht erklärt, und es wird verdeutlicht, dass eine gewaltbereite Gesinnung Tieren gegenüber eigenes Leiden verursacht. Welche positive Auswirkung die bisher aufgezeigte Ethik auf das Mensch-Tier-Verhältnis hat, kann mensch daran erkennen, dass Buddha seinen Jüngern nicht erlaubt hat, zur Regenzeit zu wandern, da zu dieser Zeit junges Pflanzen- und Tierleben erwachte und mensch mit jedem Schritt das Gebot des Nichtverletzens missachten würde.(5)

Wenn das Töten von nichtmenschlichen Tieren nach der buddhistischen Ethik nicht erlaubt ist, wie verhält es sich dann mit dem Töten-Lassen, also Fleisch von dafür getöteten Tieren verlangen? Viele Buddhisten essen Fleisch, das ist unumstritten, aber die Lehre sagt deutlich, dass Buddhisten keinen Tiermord verlangen sollen („Majjhima Nikaya, 55. (VI,5)“): „Wer da, Jivako, um des Vollendeten oder Vollendeten Jüngers willen das Leben raubt, der erwirbt zu fünf Malen schwere Schuld. Weil er da so befiehlt: ‚Geh hin und bringt jenes Tier dort herbei!‘, darum erwirbt er zum erstenmal schwere Schuld. Weil dann das Tier, zitternd und zagend herbeigeführt, Schmerz und Qual empfindet, darum erwirbt er zum zweitenmal schwere Schuld. Weil er dann spricht: ‚Geh hin und tötet dieses Tier!‘, darum erwirbt er zum drittenmal schwere Schuld, weil dann das Tier im Tode Schmerz und Qual empfindet, darum erwirbt er zum viertenmal schwere Schuld. Weil er dann den Vollendeten oder des Vollendeten Jünger ungebührend laben läßt, darum erwirbt er zum fünftenmal schwere Schuld.“(6)

Es wird gefordert, dass ein Buddhist kein Fleisch von Tieren annehmen soll, von denen er weiß oder vermutet, dass sie eigens für ihn getötet wurden(7), da er sonst „den Tiermord gut heißen und den Tiermörder in seinem Handwerk bestärken“ würde.(8) Grundsätzlich hat Buddha aber seinen Jüngern erlaubt, Fleisch zu essen, welches ihnen in die Almosenschale gelegt wurde, da diese Gabe anzunehmen an sich keinen weiteren Tiermord zur Folge hat. Wie ist das nun in Hinsicht auf den Erwerb von Fleisch in der heutigen Zeit zu interpretieren? Hierfür ist es wichtig zu verstehen, warum und wann Buddha den Fleischverzehr verboten hat. Neben der direkten Auswirkung der Handlung ist bei der Bewertung dieser die Gesinnung, mit der eine Handlung ausgeführt wird, von entscheidender Bedeutung.(9) Eigenes Leiden wird verursacht, wenn eine Handlung mit böser Geisteshaltung durchgeführt wird. Leitet mensch aus dem Dargestellten konkrete Handlungsanweisungen ab, so darf ein Buddhist zum Beispiel nicht in einem Restaurant, wo Tiere lebend gehalten werden, ein Individuum extra für sich töten lassen und auch das Fleisch eines Tieres nicht annehmen, wenn es für ihn getötet wurde. Die Frage, ob mensch überhaupt Fleisch kaufen darf, lässt sich mit dieser individuellen Ethik nicht eindeutig lösen. Wir haben eine gesichtslose Industrie, die eine gesichtslose Masse von Individuen tötet. Die aus ihren Körpern produzierten Waren werden an eine gesichtslose Masse von Konsumenten verkauft. Je größer die Nachfrage insgesamt wird, desto mehr wird gemordet. Die einzelne Kaufentscheidung hat hierbei keinerlei Auswirkung und kann nach buddhistischer Ethik auch nicht als schlecht und leidbringend für den Handelnden interpretiert werden (solange die dahinterstehende Geisteshaltung nicht von Hass oder Gier erfüllt ist). Dennoch kann mensch von jedem verantwortungsbewussten Menschen erwarten, dass er diesen gesellschaftlichen Prozess durchschaut.

Tierethik im Mahayana-Buddhismus

Wie schon erwähnt, stellen neuere Strömungen des Buddhismus, also vor allem der Mahayana, zu dem der tibetische Buddhismus gehört, ein anderes ethisches Ideal in den Vordergrund. Gewaltfreiheit ist hier nicht mehr einfach nur notwendig, um selbst Befreiung zu erlangen, sondern ist Folge eines tief empfundenen Mitgefühls und der Sorge um das Wohl anderer Lebewesen. Neben einer neuen philosophischen und theologischen Systematisierung der Stellung Buddhas und einer neuen Ontologie hebt sich der Mahayana-Buddhismus in zwei ethischen Punkten von anderen Richtungen ab. (10) Im Mahayana wird neben dem Prinzip der Gewaltlosigkeit vor allem das Mitgefühl ins Zentrum der Ethik gerückt. Außerdem ändert sich das Ziel des eigenen Erleuchtungsstrebens: Im Mahayana gilt nicht die persönliche Befreiung vom Leiden als letztendliches Ziel der Bemühungen, sondern das Bodhisattva-Ideal. Bodhisattvas sind „große Liebende““, also Praktizierende, „die zum Wohl aller Wesen vollständige Erleuchtung erstreben.“ Ihr Ziel ist es, „alle fühlenden Wesen vom Leid und den Leidensursachen“ zu befreien.(11)

Die individuelle Ethik des XIV. Dalai Lama

Auch der Dalai Lama betont immer wieder die Wichtigkeit des Mitgefühls: „Ich glaube, dass Mitgefühl - Güte und Warmherzigkeit gegenüber anderen - der Urquell allen Glücks ist. So bin ich fest überzeugt, dass jeder, der sich darin übt, zu einer glücklicheren, friedlicheren Welt beiträgt.“(12) Seine praxisorientierte Auffassung der buddhistischen Ethik lässt sich recht gut anhand folgender Aussage nachvollziehen: „Ich möchte sagen, dass die Essenz der Lehren Buddhas in zwei Sätzen zu finden ist: Hilf anderen, falls möglich. Falls das nicht möglich ist, füge zumindest niemandem Schaden zu.“(13)

Die Ethik des Dalai Lama ist also geprägt von Mitgefühl und Rücksichtnahme anderen Wesen gegenüber. Dass bei der Fürsorge für Andere nicht nur Menschen, sondern alle fühlenden Wesen gemeint sind, ergibt sich aus der theoretischen Grundlage für diese Variante buddhistischer Ethik. Damit wir Fürsorge für andere entwickeln können, benötigen wir eine gemeinsame Basis, die wir mit anderen teilen.(14) Diese grundlegende Gemeinsamkeit ist die „Ureigenschaft aller fühlenden Wesen“ (15), dass wir nach Glück streben und Leid vermeiden wollen, was eben nicht nur auf alle Menschen zutrifft, sondern auch die Tiere beinhaltet. Diese Methode des „sich mit anderen gleichstellen“ geht auf den indischen Gelehrten und Yogi Shantideva zurück, dessen Text Eintritt in das Leben zur Erleuchtung für viele Tibeter und auch für den Dalai Lama prägend war und ist.

Nun zur Frage, welche Einstellung der Dalai Lama zum Mensch-Tier-Verhältnis hat. Die Antwort findet sich in derselben Quelle, die auch Colin Goldner in „Tierrechte und Esoterik - Eine Kritik“ verwendet hat: „Tausende, ja Millionen und Milliarden von Tieren werden umgebracht, um gegessen zu werden. Das ist sehr traurig. Wir Menschen können leben, ohne Fleisch zu essen, besonders in unserer modernen Welt. Wir haben eine Vielzahl an Gemüsesorten und anderen, zusätzlichen Nahrungsmitteln, wir haben also die Möglichkeit und auch die Aufgabe, Milliarden von Leben zu retten. Ich habe viele Einzelpersonen und Gruppen kennengelernt, die sich für die Rechte der Tiere einsetzen und vegetarisch leben. Das ist wunderbar.“ (16)

Des Weiteren prangert er sogar einige der schlimmsten Formen der Tierausbeutung an: „Jagen und Fischen als sportliche Betätigung sind purer Unsinn. [...] Das Bedrückendste aber ist wohl die Massentierhaltung. Dort leiden die armen Tiere wirklich.“ Als Konsequenz fordert er: „Wir müssen diejenigen unterstützen, die versuchen, ein so ungerechtfertigtes Vorgehen abzubauen.“ (17) Der Dalai Lama ist damit ein großer Unterstützer des Tierschutzes. (thr)